Botanische Malerei

Eröffnungsrede zur der Ausstellung Botanische Malerei – Shakespeares und andere Blumen, im Rahmen der Woche der Botanischen Gärten, Freiburg 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur Ausstellung Botanische Malerei – Shakespeares und andere Blumen, die Ihnen Arbeiten von Evelin Sum-Preibisch und ihren Schülern und Schülerinnen zeigt. Ein schöner Zufall für mich, hier im Gewächshaus des Botanischen Gartens eine Ausstellung eröffnen zu dürfen, da einer meiner Forschungs- und Interessensschwerpunkte als Kunsthistorikerin ungewöhnliche Ausstellungsorte sind. Als Goldschmiedin habe ich zwar auch das Zeichnen und Aquarellieren gelernt, doch hatte ich es dabei immer mit unbelebter Materie wie Edelmetallen und Edelsteinen zu tun, aber nie mit solch’ lebendigen Objekten, wie der Pflanzenwelt, die uns hier – drinnen wie draußen – umgibt. Daher habe ich mich sehr gefreut, im Rahmen der Vorbereitungen die wundervollen und so feinsinnigen Arbeiten von Evelin Sum-Preibisch und ihren Eleven kennenzulernen.

Wie Sie wissen steht die diesjährige Woche der Botanischen Gärten unter dem Motto „Garten=Theater. Pflanzen in Shakespeares Welt“. Der Garten ist als eine Inszenierung, als ein Ort der Imagination, als eine Bühne zu verstehen. Einer der größten inszenierten Gärten war der des Sonnenkönigs Ludwig XIV, der die Natur abgezirkelt und zurechtgestutzt als Gesamtkunstwerk beherrschen wollte. Der Aufwand, mit dem tropische Pflanzen in Gewächshäusern, in sogenannten Orangerien kultiviert wurden, entsprach oft dem kolonialistischen Anspruch, der über das jeweilige Land erhoben wurde, aus dem die Pflanzen stammten. Neben den Statussymbolen Orangerie oder Palmengarten entstanden mit den Botanischen Gärten reiche Sammlungen verschiedenster Pflanzen im Dienste wissenschaftlicher Forschungen. Nur in Botanischen Sammlungen wie diesen konnten Wissenschaftler ausgiebig studieren, die Besonderheiten der Pflanzen erkennen und die Wirkweisen der Natur verstehen. Der Botanische Garten Freiburg gehörte zu einer der ersten Gründungen dieser wissenschaftlichen Einrichtungen im Jahre 1620. Er wurde auf Initiative der medizinischen Fakultät ins Leben gerufen.

Und die Pflanzen in Shakespeares Welt? Gleich immer wieder aufs Neue erblühender Gärten werden die Blumen als immer wiederkehrendes Motiv in Shakespeares Theaterstücken für uns lebendig. Ein fleißiger Theaterwissenschaftler zählte einst über 120 verschiedene Pflanzen in den Werken des britischen Dichters. William Shakespeare hat wie kaum ein anderer Pflanzen in seine Theaterstücke einbezogen, in dem er in ihre Symbolik, ihre optischen und sensorischen Reize, wie Farbe und Duft, betonte. Auf dieser Ebene gelang ihm eine universelle Sprache: Eine Sprache, die einfache Bauern und Adlige gleichermaßen verstanden. Sie alle erkannten beispielsweise die Bedeutung des Rosmarins im Drama Romeo und Julia, als zum Ende des 4. Aktes die tote Julia mit folgende Zeilen betrauert wird:

„Dry up your tears and stick your rosemary on this beautiful corpse!“
„Trocknet Eure Tränen und steckt Euer Rosmarin auf diesen schönen Leichnam!“

Der Rosmarin wurde traditionell sowohl als Grabbeigabe als auch als Brautschmuck zum Zeichen von Liebe, Treue und Vergänglichkeit verwendet. Hier in der Ausstellung begegnet uns der Rosmarin in einer Arbeit nach dem Stundenbuch der Anne de Bretagne, eines der ersten Bücher, das Pflanzen mit ihren Namen dokumentierte - und wir werden den Rosmarin in der Zutatenliste für einen winterlichen Wirsingeintopf entdecken.

Die ausgestellten Arbeiten wie der Mönchspfeffer und der Frauenmantel, der Kürbis und der Granatapfel, der Löwenzahn und, mein ganz persönlicher Favorit, das Sonnenröschen, sind Schicht für Schicht mit Buntstift gezeichnet und mit Aquarellfarbe gemalt. Sie zeigen jeweils die wissenschaftlich exakte Darstellung eines Pflanzenblattes, einer Blüte oder einer Frucht und jede Darstellung hat für sich eine individuelle Erscheinung. Der englische Botaniker und Kurator an den Royal Botanic Gardens in London, Phillip Cribb, bringt es auf den Punkt:

„Der botanische Illustrator strebt danach, neben dem Habitus und der Blüten einer Pflanze auch ihr Wesen zu erfassen. Das Ziel des Pflanzenmalers ist es, Informationen bereitzustellen, die es dem Botaniker gestatten, eine Pflanze anhand dieser Abbilder zu identifizieren und zu benennen. Um so viele Wesenszüge auf einem einzigen Bogen Papier unterzubringen, ist ein derart großes Verständnis vom Pflanzenaufbau und von seiner Darstellung notwendig, dass die Abbildung im Idealfall auf ein völlig neues Niveau gehoben wird.“

Erste Zeugnisse der Botanischen Malerei begegnen uns in den illuminierten Büchern von Klöstern. Die präzisen Darstellungen von Pflanzen halfen, das, was wir heute als Unkraut bezeichnen würden, von den Arzneipflanzen zu unterschieden und die Wirkweise von Heilpflanzen zu dokumentieren. Die Pflanzendarstellungen des Mittelalters gehen aber über die wertvollen Pergamente der Abteien hinaus, denn auch auf zahlreichen Altar- und Andachtsbildern sind sie als übergeordnetes Symbol oder als versteckter Hinweis zu finden. Denken Sie nur an die Maria im Rosenhag oder den berühmten Grünewald-Altar in Colmar, auf dem, etwas versteckt am Bildrand, die pflanzlichen Zutaten für die Heilsalbe gegen das Antoniusfeuer dargestellt sind.

In der Neuzeit sind es Forschungsreisende, die auf ihren Reisen Pflanzen zeichneten, um sie in der Heimat dann in voller Blüte, im Fruchtstadium oder als Knospe zeigen zu können. Eine der bekanntesten Wissenschaftlerinnen und Zeichnerinnen war Maria Sybilla Merian, die um 1700 nach Surinam reiste, um dort Flora und Fauna zu untersuchen. Etwas später treffen wir dann auf Carl von Linné, der für seine Untersuchungen den Botaniker und Maler Georg Dionysius Ehret beauftragte. Und erst die exakten Darstellungen der Geschlechtsteile der Pflanzen, wie Fruchtknoten, Staubgefäße und Stempel, ermöglichten Linné eine sinnvolle Klassifizierung. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Maler zu Expeditionen eingeladen, wie beispielsweise Emil Nolde, der mit seiner Frau Ada die NeuguineaExpedition eines Augenarztes begleitete, um dort fotografisch und zeichnerisch die Flora zu dokumentieren. Wie Sie vielleicht wissen, sind auf dieser Reise Noldes eindrucksvolle, farbenprächtige Südseebilder entstanden.

Doch was bedeutet eigentlich Botanische Malerei heute? Und warum wird Sie immer noch praktiziert, vor allem in England und Frankreich, wo sie ein sehr hohes Ansehen genießt? Wo doch in jedem Handy hochauflösende Full-HD-Kameras ständig verfügbar sind?

Wer Pflanzen malt, muss genau hinschauen. Mit einem schnellen Klick und Wisch der Handykamera ist es nicht getan. Wer Pflanzen malt, muss genau hinschauen, und im genauen Hinsehen liegt der Schlüssel zum Verständnis der Besonderheiten einer jeden einzelnen Pflanze. Nur das genaue Betrachten ermöglicht es, uns die individuellen Merkmale und Systematik einer Pflanze zu erkennen. Und das Erkennen ist die Voraussetzung für das Verstehen. Das Verstehen der Pflanze, das Verstehen ihres Platzes und ihres Anteils innerhalb der Natur. Der Brite John Ruskin, Mitbegründe der Arts-and-Crafts-Bewegung, die fruchtbarer Nährboden für das Bauhaus war, unterrichtete leidenschaftlich Botanische Malerei. Dabei stand für ihn nicht die Optimierung der malerischen Fähigkeiten seiner Schüler im Vordergrund, sondern das Streben nach einem tieferen Verständnis für die Natur. Und genau das ist auch der Gedanke, von der Evelin Sum-Preibischs Lehre getragen wird, wenn in ihrem Unterricht nicht nur gezeichnet, sondern auch aus botanischer Literatur vorgelesen und zitiert wird.

Sehen, erkennen, verstehen das sind die zentralen Punkte sowohl der Botanischen Malerei als auch die des Botanischen Gartens. Lassen Sie Ihren Blick durch die Ausstellung schweifen oder später bei einem Rundgang durch den herrlichen Botanischen Garten. Erkennen Sie die eine oder andere Pflanze und versuchen Sie Ihren eigenen Anteil in der Natur zu verstehen. Hier schließt sich der Kreis, meine Damen und Herren, und mir bleibt nun noch die ehrenvolle und schöne Aufgabe mich im Namen von Evelin Sum-Preibisch ganz herzlich für die tatkräftige Unterstützung und Ermutigung seitens des Botanischen Gartens Freiburg zu bedanken, bei Frau Heidi Petarus, Leitende Gartenmeisterin, Frau Dr. Fredericke Gallenmüller, Akademische Oberrätin und Kustodin des Botanischen Gartens und bei Herrn Dirk Rohleder, Gärtnermeister.

Sie, meine Damen und Herren, lade ich zusammen mit Frau Sum-Preibisch und den Schülern und Schülerinnen zu einem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung ein. Verpassen Sie nicht die Führung mit Frau Dr. Gallenmüller um 15 Uhr, genießen Sie die schönen Arbeiten hier und verbringen Sie einen wundervollen Tag im Botanischen Garten Freiburg.

© Dr. Caroline Yi, 2016, VG Wort